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Die Geschichte des Badener Stadtturms: Der stille Wächter der Stadt

Einst hielt der Badener Stadtturm die Zürcher Angreifer ab. Dann diente er fast 140 Jahre lang als Gefängnis. Der wohl berühmteste Insasse war Fast-Bundesrat Walther Bringolf.

von Stefanie Garcia Lainez (Fotos: Historisches Museum/Sandra Ardizzone)

Er gehört zu den bedeutendsten Mittelalter-Türmen der Schweiz und wird mit Wahrzeichen wie dem Berner Zytgloggeturm oder dem Basler Spalentor verglichen: der Badener Stadtturm. Erbaut hat ihn der einheimische Werkmeister Rudolf Murer während des Alten Zürichkrieges von 1441 bis 1448. Der heute über 56 Meter hohe Turm sollte die Stadt vor Angreifern schützen.

Schon während des Baus musste der Turm einem ersten Angriff standhalten, erklärt Stadtführer Fredy Hauser: «Es war der 8. November 1445, als die Zürcher mit einem Rammbock vor dem Tor standen.» Doch Tor und Turm hielten stand, und die Zürcher mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Sie plünderten jedoch die Umgebung und steckten die Bäder in Brand. «Erst knapp 300 Jahre später waren die Zürcher erfolgreich», sagt Hauser. Während des Zweiten Villmerger Krieges belagerten sie mit den Bernern die Stadt. Nach einem Tag am Morgen des 31. Mai 1712 übergaben vier Ratsherren den Angreifern die Torschlüssel. Von da an hatte der Turm reine Zierfunktion – bis 1846 zwölf beheizbare Gefängniszellen auf vier Stockwerken eingebaut wurden.

Fast 140 Jahre lang sperrte die Obrigkeit das Gesindel und Schwerverbrecher im Turm ein. An Weihnachten 1984 zügelten die Insassen ins moderne Bezirksgefängnis am Schulhausplatz. Ein längst überfälliger Schritt, denn die feuchten, engen und düsteren Zellen galten gemäss der Menschenrechtskonvention des Europarates von 1950 als menschenverachtend.

Auch wenn unterdessen die Farbe von den Wänden abblättert: Noch immer zeugen zahlreiche Malereien, Gedichte und Sprüche in den Zellen vom Leben der einquartierten Mörder, Kriminaltouristen und Kommunisten, nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus Indien, Ex-Jugoslawien oder aus England, wie der berühmt-berüchtigte Ex-Hooligan Andy Swallow.

Während die einen nackte Frauen zeichneten, übten sich andere im Reimen: «Lieber Sonne statt Reagan. Lieber Fusspilz als Atompilz.» Ein Italiener schrieb, er sei «innocente», also unschuldig. Einer der Insassen würde gerne «en Joint dampfe». Ein anderer kritzelte an die Wand, er sei wegen Schwarzfahren drin und habe den Walkman behalten dürfen. Er ärgerte sich über das Glockengeläut: «Ich flippe aus und versuche, mit der Reservebatterie, das Fenster einzuschlagen.»

Bringolf sass neun Tage im Turm

Der wohl berühmteste Insasse war Walther Bringolf, Fast-Bundesrat, 35 Jahre lang Schaffhauser Stadtpräsident und von 1925 bis 1971 Nationalrat, zuerst für die Kommunisten, dann für die Sozialdemokraten. «Im Sommer 1933 sass Bringolf im Stadtturm eine neuntägige Haftstrasse ab», sagt Hauser. Dies wegen einer verbotenen kommunistischen Demonstration, initiiert durch BBC-Lehrlinge. «Oder ‹Leninglünggi›, wie sie das Aargauer Volksblatt nannte.» Trotz Verbot versammelten sich am 18. Mai 1930 knapp 400 Kommunisten auf dem Schulhausplatz. Das Schützenbataillon 4 und 70 Kantonspolizisten nahmen die Rädelsführer fest, darunter auch Redner Bringolf. Das Gericht verurteilte ihn wegen «Vergehen gegen die öffentliche Ordnung und Sicherheit».

Der Schaffhauser umging die Haftstrafe während dreier Jahren, in dem er den Aargau auf seinen Fahrten ins Bundeshaus umging, entweder mit der Reichsbahn via Basel oder mit dem Flugzeug von St. Gallen aus. Erst als ihm angedroht wurde, er müsse die Haft in der Stadt Schaffhausen absitzen, die er präsidierte, meldete er sich in Baden. Seine kommunistische Vergangenheit wurde ihm später zum Verhängnis, als er 1959 als SP-Bundesratskandidat nominiert, aber nicht gewählt wurde. «Sozusagen als Wiedergutmachung wurde Bringolf 1961 zum Nationalratspräsidenten gewählt.»

Seit der Turm kein Gefängnis mehr ist, steht er leer. «Heute wohnen nur noch seltene Alpensegler und ein Turmfalke im Turm», sagt Hauser. Das wird auch so bleiben. Es gab zwar wenige Zwischennutzungen. Beispielsweise als der Badener Ehrenbürger Sepp Schmid 1987 an der Badenfahrt für den Tombola-Preis, eine Nacht im Turm zu verbringen, eine Zelle mit Betten ausstatte.

Oder als Optiker Lieni Fueter Brillen ausstellte. Doch Umnutzungen durch Büros, Wohnungen oder Galerien scheitern an den Vorschriften der Denkmalpflege und des Brandschutzes. Deshalb werden Fredy Hauser und die Besucher der Stadtführungen weiterhin zu den wenigen gehören, die regelmässig den Turm hinaufsteigen.

 

Zahlen und Fakten: Die Schoggiseite des Turms

Korrekt heisst der Badener Stadtturm Brugger- oder Bäderturm, da die Strasse durch das Tor in nördliche Richtung nach Brugg oder in die Bäder führt. Als er 1448 fertiggestellt wurde, war der Turm drei Stockwerke hoch. Dreissig Jahre später wurde er um weitere fünf Stockwerke auf 56,45 Meter erhöht.

Die Ecksteine sind aus Mägenwiler Sandstein, das Holz stammt von Badener Eichen. «Die Schoggiseite des Turms ist auf der Seite der Altstadt», sagt Stadtführer Fredy Hauser. Die Südfassade ist reicher verziert, hat eine doppelt so grosse Uhr wie auf der anderen Seite und ist mit einer Sonnenuhr ausgestattet. Als 1846 die Gefängniszellen eingebaut wurden, kam es auch zu einer ersten Verbreiterung des Tors.

Da der Verkehr von Zürich nach Bern und Basel unter dem Turm durchführte und stetig zunahm, musste auch das Tor mehrmals vergrössert werden. In den 1940er-Jahren kamen die Durchgänge für die Fussgänger auf beiden Seiten hinzu. 1961 verbreiterte die Stadt das Tor zum letzten Mal, denn ab 1965 fuhren die Autos durch den Schlossbergtunnel über den Schulhausplatz.

Gleichzeitig wurde der Turm zu einem Bezirksgefängnis ausgebaut. Die bisher letzte Renovation erfolgte 2008/09. Für eine Millionen Franken liess die Stadt den Turm sanieren und stellte den ursprünglichen Zustand wie vor der letzten Renovation 1925 wieder her: mit weissbeigem Kalkputz. 

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